Lukas' Netzecke
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Eine kantistische Betrachtung aktueller Tagespolitik

geschrieben von Lukas am 14.06.2010, unter Philosophie, Politik

Mit Immanuel Kant, ich darf ihn wohl ohne große Gegenrede als einen der ganz großen Philosophen der Weltgeschichte bezeichnen, zog ein völlig neuer Geist in die Denkweise des philosophisch interessierten, und auch manch anderer, Menschen ein. “Sapere aude!” ruft er uns zu: Wir sollen Mut haben uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen! Wir sollen den Mut haben selbst zu denken und nicht zu beharren auf dem, was man uns vorwirft, den Mut sollen wir haben, nicht zu fressen was uns in den Rachen geworfen wird sondern selbst loszuziehen und uns zu suchen, was wir brauchen, was wir wollen, nicht was andere wollen, dass wir wollen! Dieser Leitspruch der Aufklärung, die uns so viele Errungenschaften brachte, lässt sich auch anders übersetzen: “Wage zu wissen!” mag er heißen und uns so die Frage aufdrängen, was wir überhaupt zu wissen vermögen?

Kant stellte auch diese Frage einst, als erste seiner 4 kantistischen oder großen Fragen:

  1. Was kann ich wissen?
  2. Was soll ich tun?
  3. Was darf ich hoffen?
  4. Was ist der Mensch?

Ich werde mich im Folgenden bemühen diese Fragen im Bezug auf die aktuelle Tagespolitik zu beantworten.

Was kann ich wissen?

Eine schwierige Frage, deren Beantwortung in ihrer Gesamtheit ich mir an dieser Stelle nicht zutraue, weshalb ich es auch gar nicht erst versuchen mag. Im Bezug auf die Politik, insbesondere auf die aktuelle Tagespolitik in der Bundesrepublik Deutschland, jedoch weiß ich recht gut, was ich wissen kann: Ich kann wissen, wer sich wofür einsetzt, wer ehrlich und wer unehrlich ist, wer Konsequenz im eigenen handeln zeigt und wer für meine Ideale eintritt. Ich weiß, dass die aktuelle Regierungskoalition, bestehend aus CDU, CSU und FDP, die doch als Volksvertreter gewählt wurden klar gegen die Interessen des Volkes handeln.In der Öffentlichkeit besteht nach allen mir bekannten Meinungserhebungen gleich welcher Art eine große Einigkeit über unter anderem die soziale Ungerechtigkeit des so genannten “Sparpakets” der Bundesregierung, die Notwendigkeit einer Aussetzung der Wehrpflicht, die Notwendigkeit von Neuwahlen des Bundestages aufgrund der kaum bis gar nicht mehr gegebenen Handlungsfähigkeit der Regierungskoalition. Das kann ich wissen und das sollte ich wissen!

Ich sollte wissen, dass jene, die man “Volksvertreter” nennt zur Zeit primär konträr zu den Interessen des “Volkes” handeln. Ich sollte wissen, dass eine andauernde Wiederwahl der selben Parteien keinen Wandel bringen kann und ich sollte wissen, dass ein beharren auf alten Wertvorstellungen und Konservativismus keinen Wandel unserer kaputten Gesellschaft bringen wird! All dies, mündet letztlich direkt in die zweite große Frage:

Was soll ich tun?

Was soll der Mensch tun um seinem Elend zu entkommen? Die Antwort liegt auf der Hand: Ändern! Wir sollten etwas an unserer politischen Lage ändern, dem Diktat der althergebrachten Politik entfliehen und uns aktiv einsetzen für eine neue Politik, für einen Wandel in den Köpfen und wir dürfen uns nicht scheuen dafür viel Zeit und Energie aufzuwenden. Manchem mag das wenig effizient erscheinen, doch ist es wirklich die Effizienz, die zählt? Oder ist es nicht vielmehr die Richtigkeit, die Umsetzung der Vision auf die wir uns zu berufen müssen? Ich sage ja! Es gibt ein Zitat aus dem Lied der Musikgruppe Schandmaul, dass ich an dieser Stelle nicht unterschlagen möchte:

Gib all deine Lebenskraft den Träumen deines Herzens, deines freien Geist’s Vision! Schandmaul, Leb!

Ist dies nicht eine Maxime, nach der zu leben es sich lohnt? Dies ist es, was wir tun sollten, wir sollten unseren Geist befreien – Sapere aude! – und tun, was wir für richtig halten, ungeachtet der Tatsache, dass uns manch einer dafür verachten mag oder dass man versuchen wird uns auszugrenzen, uns Schmutz um die Ohren werfen wird und versuchen wird uns untragbar zu machen. Letztlich sollten wir weiter treten, sollten herkömmliche Moralvorstellungen, die wir bislang akzeptierten ohne sie lange zu überdenken überwinden, sollten das Schwarz-Weiß-Schema von Gut und Böse verlassen. Wir sollten aber nicht von der Eindimensionalität des Schwarz-Weiß in die Zweidimensionalität der Graustufen verfallen sondern in die Dreidimensionalität der Farben übergehen, wir sollten quer denken, ungehemmt und ohne Zügel, denn nur so lässt sich letztlich Veränderung bewirken, die tatsächlich etwas bewirkt.

Nun stellt sich natürlich die Frage, wozu all das tun führt oder führen kann, es stellt sich die dritte der großen Fragen:

Was darf ich hoffen?

Eine überaus – mit Verlaub – typische Frage in deutschen Landen. Der Deutsche gilt allgemein als zurückhaltend, vorsichtig, wenig laut. Genau hier liegt aber ein grundlegendes Problem: Gehört wird nur, wer lauter ist als das Hintergrundrauschen! Die Frage muss also, und hier muss ich Kant einmal kritisieren, nicht danach fragen, was zu hoffen erlaubt ist, denn die Antwort darauf kann in einem freien Land und für einen freien Geist nur eines sein: Alles! Nein, vielmehr sollte die Frage lauten: Was steht zu hoffen? Es wird also danach gefragt, was wir bewirken können. Auch hier ist die Antwort im großen Sinn einmal mehr: Alles!

Im engeren Sinne jedoch, bezogen auf die aktuelle politische Lage in der Bundesrepublik Deutschland, kann die Frage deutlich konkreter beantwortet werden: Zu hoffen steht ein Politikwechsel, eine Veränderung, ja ich mag fast sagen eine Revolution des Geistes, die schon jetzt im Gange ist, die jetzt bereits angefangen hat. Die Hoffnung ist, dass wir diese Revolution weiter tragen können, dass wir Veränderungen im Selbstbild der Menschen schaffen können und dass wir letztlich eine freiere und gerechtere Gesellschaft schaffen können, die ohne die Zwänge auskommt, denen wir uns heute unterwerfen sollen, in der freie Geister unbevormundet und im friedlich-konstruktiven Dialog miteinander Leben können. Eine Gesellschaft, die den Menschen als solchen achtet, die den Menschen vor abstrakte Konstrukte stellt und die denen hilft, die Hilfe benötigen und in der jene, die in der Lage sind Hilfe zu leisten diese in vollem Umfang Leisten, ohne dass ihnen dazu ein Zwang auferlegt werden müsste. Doch um genau dies zu erreichen darf auch die grundlegendste aller Fragen der Menschheit nicht außer acht gelassen werden:

Was ist der Mensch?

Letztlich ist der Mensch vieles, doch gerade im Bezug auf die Politik ist der Mensch oft eines: Nicht mutig. Veränderungen bergen immer die Gefahr, dass sich die aktuelle Lage verschlechtert, mag diese auch noch so klein sein. Aus eben diesem Grunde hat der Konservativismus immer wieder Hochkonjunktur, denn er verspricht ein beharren auf einem veralteten Bild von Politik, Staat, Gesellschaft und Wirtschaft.  Jedoch sind wohl alle großen Ereignisse der Menschheitsgeschichte auf Veränderungen zurückzuführen, auf Umbrüche und neue Denkansätze, keine Errungenschaft lässt sich auf ein Festhalten an alten, nicht länger zeitgemäßen Grundsätzen zurückführen. Der Mensch ist ein schwieriges Ding und daher mag ich mir an dieser Stelle auch keine längere Betrachtung erlauben, bin ich doch auch nur ein Mensch. Ich verweise jedoch gerne auf Friedrich Nietzsche:

Erst am Ende der Erkenntnis aller Dinge wird der Mensch sich selber erkannt haben. Denn die Dinge sind nur die Grenzen des Menschen. Nietzsche, Morgenröte

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