Category: Piraten

31. Januar 2012

Postgender, Feminismus, Antifeminismus und Genderpopender

by Lukas — Categories: Genderpopender, Piraten — Tags: , , , 1 Comment

Ich trage mich bereits seit längerem mit dem Gedanken mich aktiv in die, bei den Piraten ja überaus beliebte, Genderdebatte einzuschalten, wobei mir bislang einfach die Zeit fehlte. Heute habe ich endgültig die Entscheidung gefällt es zu tun, egal, ob ich nun Zeit übrig habe oder nicht, zaubere ich halt mal wieder ein wenig Zeit aus dem Hut, dafür habe ich ohnehin ein Talent.

Sei es wie es sei, jedenfalls fiel mir vor einigen Tagen der ArtikelPostgender? Damit sind die Piratenvon gesternaus der KolumneMännersache/Frauensachedes Freitags in die Hände oder, um einmal gebührend korrekt zu sein, auf den Monitor. Zuerst war ich auch, wie viele der Kommentatoren auf der Internetseite des Freitags, recht verärgert, empfand den Artikel als inkorrekt und die tatsächliche Sachlage ignorierend. Ich habe allerdings nicht sofort einen wütendenEy, das stimmt so nicht!!!1111 Schreib keinen Mist!!!!!111einseinself”-Kommentar hinterlassen. Tut mir leid, aber erstens bin ich aus diesem Alter dann doch schon eine Weile heraus und zweitens bin ich ein Verfechter einer konstruktiven Diskussionskultur, in die ein solcher Kommentar einfach nicht passen würde. In diesem Sinne entschuldige ich mich bei allen, die sich schon darauf gefreut hatten.

Frau Baureithel baut in ihrem Artikel ein Bild auf, das die Piratenpartei als eine Partei von Antifeministen und Männerrechtlern zeichnet, die sich selbst alsPostgender” bezeichnen um so den Kritikern, die sie als Männerpartei bezeichnen den Wind aus den Segeln zu nehmen und sich selbst als Frauenrechtler darzustellen, wo keine sind. Dem widerspreche ich. Ich sehe die Piratenpartei viel mehr als eine Partei, die sich gerne von alt hergebrachtem Gedankengut distanziert, als eine Partei, in der viele Freigeister versuchen schrankenlos zu denken um so zur besten Lösung eines Problems zu kommen, zu einer möglichst idealtypischen Gesellschaft freier Menschen, die frei ungezwungen und vorurteilsfrei denken und handeln. Ein schönes Ideal.

Im Zuge dieses Prozesses entstand meiner Meinung nach auch die Idee “Postgendersein zu können. Viele Piraten neigen dazu sehr rational und konsequent zu denken oder zumindest so, wie sie es für rational und konsequent halten.

Die Piratenpartei Deutschland (PIRATEN) ist eine Partei im Sinne des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland und des Parteiengesetzes. Sie vereinigt Piraten ohne Unterschied der Staatsangehörigkeit, des Standes, der Herkunft, der ethnischen Zugehörigkeit, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung und des Bekenntnisses, die beim Aufbau und Ausbau eines demokratischen Rechtsstaates und einer modernen freiheitlichen Gesellschaftsordnung geprägt vom Geiste sozialer Gerechtigkeit mitwirken wollen. Totalitäre, diktatorische und faschistische Bestrebungen jeder Art lehnt die Piratenpartei Deutschland entschieden ab.

Abschnitt A, §1, Absatz 1 der Satzung der Piratenpartei Deutschland

Bereits im ersten Absatz der Satzung der Piratenpartei findet sich ein eindeutiges Bekenntnis zur Gleichberechtigung. Das ist gut so. Das ist etwas, das ich von der Partei, für die ich kämpfe und für die ich so viel Zeit und Kraft aufwende verlange. Das ist auf der einen Seite nicht viel, auf der anderen Seite ist es unglaublich viel. Es ist Teil des humanistischen Freiheitsverständnisses, dass mich anspornt und das, so wie ich es empfinde, viele Piraten teilen, findet es sich doch in diversen Ausprägungen in den Programmen der Piratenpartei, in den Anträgen und den Diskussionen, die ich selbst das Glück hatte erleben zu dürfen. Und genau hier zeigt sich, warum ich die Piratenpartei eben nicht für eine Partei von “Männerrechtlern” halte: Es wird eben nicht nur darüber nachgedacht, was ist und was man daran ändern könnte, sondern auch darüber, was sein sollte. Und es sollte eben so sein, wie es bereits zu Beginn der Satzung der Piraten steht: Dass Menschen Menschen ansehen, unabhängig von ihrem Geschlecht, dass Menschen frei leben und sich frei entfalten dürfen ohne durch andere Menschen beschränkt zu werden, nur weil sie das “falsche” Geschlecht, die “falsche” Hautfarbe oder ähnliches haben. Konsequent sage ich hier, wie auch viele andere Menschen, insbesondere auch viele Piraten, dass ich der Meinung bin, dass man dazu eben nicht explizit auf die “lieben Leserinnen und Leser” eingehen muss. Tut man es doch, so beglückt uns die deutsche Sprache zum Teil mit äußerst umständlichen Satzkonstrukten, die niemand wirklich gerne liest. Des weiteren, und das ist vielleicht der viel wichtigere Punkt, empfinde ich, und ich weiß auch von sehr vielen Frauen, denen es ähnlich geht, den expliziten Hinweis im Text auf das Geschlecht, als deutlich diskriminierender als die Verwendung eines einzelnen Geschlechts, welches aus meiner Sicht auch gerne das weibliche sein darf. Allein die Tatsache, dass ein solcher Hinweis auf das Geschlecht nötig ist, impliziert dem empfinden vieler Menschen nach, dass hier eine Minderheit vor Diskriminierung geschützt werden soll. Dem ist jedoch nicht so. Frauen sind keine Minderheit! Leider gibt uns die deutsche Sprache kaum die Möglichkeit zur Verwendung eines generischen Neutrums. Ich jedoch bleibe dabei, dass ich es nicht für nötig erachte eine Person nach ihrem Geschlecht zu beurteilen. Daher widerspreche ich Frau Baureithel.

Frau Baureithel, sollten Sie zufällig diesen Artikel lesen, so wäre ich auch erfreut in einen konstruktiven, sachlichen Dialog mit Ihnen treten zu können. Sollten Sie daran interessiert sein, so kontaktieren Sie mich einfach auf dem Weg, der Ihnen am ehesten zusagt. Sowohl meine Adresse als auch meine Telefonnummer finden Sie im Impressum.

27. Januar 2012

Gelerntes

by Lukas — Categories: Persönlich, Piraten — Tags: Leave a comment

Am 19.03.2011wurde ich in den Vorstand der Piratenpartei Niedersachsen gewählt. Ein schöner Tag, wie ich sagen muss. Ich bin ganz ehrlich: Dieses Gefühl nach der Wahl war durchaus befriedigend, war toll, ich fühlte mich großartig. Ein Tag, der nun bald ein Jahr her ist, der mich bis heute begleitet hat, der für mich der Beginn eines großen persönlichen Umbruchs war. Und nun ist meine Amtszeit (fast) zu Ende. Nächste Woche Samstag wird ein neuer Vorstand für die Piraten in Niedersachsen gewählt.

Dann, nach der Wahl, kam die Arbeit. Zu Anfang bestand diese vor allem daraus sich überhaupt erst einmal in die Vorstandsarbeit einzufinden. Ich war vorher noch nirgends Vorstand, hatte kaum Erfahrung mit irgendwelchen Ämtern, hatte nur in geringem Maße Verantwortung übernommen. Ich war bis dahin Basispirat gewesen, hatte ein wenig Erfahrung auf Parteitagen aller Ebenen gesammelt, hatte ein bisschen in Programm- und Satzungsarbeit hereingeschnuppert und eine Weile beim Piratenradio eine kleine Musiksendung gemacht, die “Monday Metal Night”. Es war alles unkompliziert gewesen, einfach, schön. Dies sollte sich nun drastisch ändern. Nicht, dass ich damit nicht gerechnet hatte, mir war, als ich erst den Vorschlag und dann das Amt annahm, völlig klar, dass mich dies eine Menge Zeit und Kraft kosten würde. Mir war auch klar, dass ab sofort nicht mehr alles so einfach sein würde, ebenso wie mir klar war, dass ich von nun an “unter Beobachtung” stand. All das, war mir klar. Aber nicht in vollem Umfang.

Ich brauchte Zeit, mich in den Vorstand einzuarbeiten, vielleicht mehr, als mir eigentlich für meine “Welpenphase” zugestanden hätte. Ich habe Zeit gebraucht um meinen Platz in diesem Vorstand, zu dem unheimlich großartige Menschen gehören, zu finden. Inzwischen bin ich derjenige, der die meisten Mails an den Landesvorstand bearbeitet. Ich bin derjenige, der für Kleinkram einspringt. Und ich habe ein großes Projekt, das mich auch noch weit über meine Vorstandszeit hinaus begleiten wird: Das Volksbegehren gegen Studiengebühren, dass leider immer noch nicht eingereicht ist. Es fehlen noch die Wählbarkeitsbescheinigungen einiger Mit-Initiatoren.

Was nehme ich aus diesem Jahr mit? Viel. Sehr viel. Ich habe in diesem Jahr jede Woche weit über 10 Stunden in die Piratenpartei gesteckt, normalerweise sogar deutlich über 15 Stunden. Ich bin ein Jahr lang morgens aufgewacht und wusste etwas für die Piraten zu tun. Ich bin ein Jahr lang ins Bett gegangen und wusste, was ich geschafft – und was ich nicht geschafft – hatte. Ich bin gereift, ich habe einen tiefen Einblick in Organisation, Strukturen und nicht zuletzt die Piratenpartei und die Politik im Allgemeinen gewonnen. Ich habe nicht viel Kraft gebraucht, sondern unglaublich viel, viel mehr, als ich es mir je hätte vorstellen können. Vorstand der Piraten in Niedersachsen zu sein war eine der anstrengendsten Erfahrungen, die ich je gemacht habe. Und eine der schönsten. Es war ein super Jahr, mit und für euch. Ich habe in dieser Zeit viel persönliches durchgemacht, ich habe auch viel für die Piraten durchgemacht, oft viel beides zusammen.

Ich erinnere mich noch gut an den 18.09.2011. An diesem Tag zog die Piratenpartei in Berlin zum ersten mal in ein Landesparlament ein. Ich saß auf dem Sofa und sah gebannt auf den Bildschirm: 8,9%. Ich erinnere mich nicht mehr daran meinen Mund aufgemacht zu haben, ich erinnere mich nur an meinen Freudenschrei, der den Raum erfüllte und an die Tränen, die mein Blickfeld verklärten. Ein wunderbarer Moment, eine Erfahrung, die ich nie mehr in meinem Leben missen möchte. Wir waren drin. Verdammt Lukas, dachte ich mir, diese Sache ist so riesig und du bist ein Teil davon.

Einen sehr ähnlichen Moment erlebte ich noch einmal. Es war der vierte Dezember 2011, ich war, wie noch über 1000 andere Piraten, auf dem Bundesparteitag in Offenbach am Main, besser bekannt als #Offenbings. Lola Voronina von der Piratenpartei Russland trat ans Mikrofon und redete, redete über die Verhältnisse unter denen die Piraten in Russland zu leiden haben, über die schwierige Demokratiesituation mit der sie leben müssen und darüber, wie Deutschland das Flagschiff der internationalen Piraten ist, wie Deutschland ein Vorbild ist, für all die Freiheitskämpfer, die für die Ideale eintrete, für die wir kämpfen, für die manche von uns leben. Und da war es wieder, dieses Gefühl, dieser von Tränen verklärte Blick: Verdammt ist das groß. Verdammt, du bist ein Teil davon. Das ist das beste, was ich je gemacht habe.

Werde ich noch einmal antreten? Werde ich noch einmal für dieses Amt im Landesvorstand kandidieren? Ich weiß es immer noch nicht. Aber ich glaube, ich werde es tun. Nicht, weil es leicht ist, nicht weil es einfach ist und nicht, weil es keine Zeit kostet, denn das wäre alles falsch. Sondern weil es schön ist. Egal was passiert an Dingen, die mich hunderte von Haaren kosten, es ist schön. Es ist schön ein Teil davon zu sein. Ein Teil der Bewegung, die für die Dinge kämpft, die das Leben lebenswert machen. Denn das ist für mich die Piratenpartei. Ein toller Trupp von Kämpfern, die für das kämpfen, was mir am wichtigsten ist: die Freiheit.

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